Digitalisierung bei der Bahn

Digitalisierung bei der Bahn: Wann sind wir endlich da, Frau Jeschke?
Bahn-Bashing ist für Deutsche ein Volkssport: Kein Netz, schlechtes WLAN, ständig zu spät. Im Interview erklärt ­Digitalvorständin Sabina Jeschke, mit welchen Technologien sie die Bahn fit für die Zukunft machen will und warum wir ein „Amazon der Mobilität“ brauchen.

(Foto: Ole Witt) / t3n

 

Es ist ein sonniger Tag Anfang März in Berlin. Die Menschen geben sich noch die Hand, wenn sie sich treffen. Der Händedruck von ­Sabina Jeschke, Digital- und Technikvorständin der ­Deutschen Bahn, ist angenehm fest. Von ihrem Büro in der 24. Etage des Bahntowers am Potsdamer Platz eröffnet sich ein weiter Blick über die Hauptstadt. Jeschke ist seit November 2017 beim Staatskonzern und seit wenigen Monaten nicht nur Digital- und Technikvorständin, sondern auch für die Instandhaltung und damit auch die Pünktlichkeit der Züge zuständig. Im Gespräch macht sich die 51-Jährige immer wieder Notizen auf der Rückseite von Unterlagen, die vor ihr auf dem Tisch liegen, notiert Zahlen, rechnet vor, malt ein Schaubild und schaut einem dabei direkt in die Augen: Versteht mich mein Gegenüber? Hier zeigt sich deutlich die Professorin für Maschinenbau, die Wissen vermitteln und auch verstanden wissen will.

t3n: Frau Jeschke, Sie haben kürzlich in einem Linkedin-Post geschrieben: „Unterbrechungsfreies Surfen und Telefonieren während der Zugfahrt sind ein Grundbedürfnis geworden.“ Das funktioniert in Deutschland, wie wir alle wissen, allerdings noch nicht. Was macht die Bahn, damit das besser wird?

Sabina Jeschke: Die ICE-Züge haben die nötige Technik an Bord. Sie sind alle mit WLAN und Signalverstärkern ausgestattet. Doch die beste ­Technik hilft nichts, wenn sie mit einem ICE in ein Funkloch ­fahren. Die Grundlage ist eine ausreichende Netzabdeckung und die Versorgungsauflage entlang der Bahnstrecken liegt nicht bei der Bahn, sondern bei den Telekommunikationsanbietern.

t3n: Gibt es nichts, was die Bahn hier tun kann?

Wir treffen uns seit Anfang des Jahres mit den Telekommunikationsanbietern im Vier-Wochen-Takt auf Vorstandsebene. Allerdings sind wir nicht diejenigen, die die Masten bauen, aber wir überlegen, wie wir als Bahn den Mobilfunkausbau entlang der Schienen unterstützen können – auch den 5G-Ausbau. Unser Netz umfasst 33.000 Kilometer Schiene und in gut der Hälfte liegt bereits ein Glasfaserkabel. Die Telekom-Unternehmen könnten hier ihre Masten anschließen, anstatt selbst 40 Kilometer durch irgendeinen Wald zu graben, um erst einmal eine Versorgungsleitung zu legen. Auch unsere Flächen entlang der Strecken stehen dafür zur Verfügung.

t3n: Sie wollen die Schiene radikal digitalisieren, um die Instandhaltung der Züge zu verbessern, mehr Menschen zu transportieren und auch pünktlicher zu werden. Dafür wollen sie unter anderem Sensoren in die Züge einbauen, die miteinander in Echtzeit kommunizieren und Probleme selbstständig melden. Ohne Netz geht das aber nicht.

Da muss man differenzieren: Ich kann heute schon viel in ­Sachen ­Digitalisierung machen, indem ich einfach mit den Zeitverzögerungen lebe. Ich muss nicht in Echtzeit wissen, ob die Kaffeemaschine im Bordbistro geht, da sind auch zwei Minuten Verzögerung in Ordnung. Das gilt auch für den automatisierten 3D-Druck von Ersatzteilen. Beim automatisierten Fahren kann ich bei einem Hindernis natürlich nicht erst mit zwei Minuten Verzögerung die Vollbremsung auslösen, hier habe ich hohe Echtzeitanforderungen.

t3n: Für automatisiertes Fahren ist eine flächendeckende 5G-Abdeckung nötig, oder?

So ist es – das ist analog zum autonomen Fahren auf der ­Straße zu sehen, weshalb ja auch Autobahnen zu den wichtigen auszuleuch­tenden Bereichen gehören. Bei 5G ständig über eine Haushaltsabdeckung von soundsoviel Prozent zu sprechen, ergibt deshalb auch keinen Sinn. Wir brauchen eine Abdeckung in der Fläche.

t3n: Sie haben zudem die Losung „KI statt Beton“ ausgegeben. Was genau verstehen Sie darunter?

Ein Zahlenbeispiel: Wir wollen bis 2030 mehr als doppelt so viele Menschen befördern wie heute. Dazu brauche ich mehr Züge und auch mehr Gleise. Wenn wir von einem Drittel ausgehen, wären das 10.000 Kilometer. 600 Kilometer Gleis zwischen Berlin und München zu bauen, hat 25 Jahre gedauert. Die schnellere Alternative ist die konsequente Ausrüstung der Schiene mit Sensoren. Die erste Stufe ist, die ETCS-Technik zur Zugsteuerung weiter auszubauen.