In diesen Branchen ist die Furcht vor der Pleite am größten

In diesen Branchen ist die Furcht vor der Pleite am größten. Durch die Nachfrage- und Umsatzeinbrüche in Folge der Coronakrise müssen bald viele deutsche Unternehmen die Insolvenz anmelden. Ein Branchenüberblick.

Autozulieferer: Gefährliche Abhängigkeit

Das waren noch Zeiten, als der legendäre Rennfahrer Michael Schumacher auf Hochleistungsfelgen von BBS seine ersten Weltmeistertitel in der Formel 1 einfuhr. Glamour und Glanz sind bei BBS schon lange verblasst. Vergangene Woche, mitten im 50. Geschäftsjahr, meldete der Felgenbauer aus dem Schwarzwald Insolvenz an.

Für das Unternehmen, das 1970 als Hersteller von Kunststoff-Karosserieteilen gegründet wurde, ist es bereits der dritte Insolvenzantrag nach 2007 und 2010. Mal waren hohe Aluminiumpreise der Grund, mal die Folgen der Finanzkrise. Diesmal soll es laut dem Unternehmen am Ausfall von zugesagten Zahlungen und der Coronakrise liegen. Der Lockdown habe zeitweise dazu geführt, dass BBS die Produktion herunterfahren musste.

Der Fall BBS ist typisch für die Branche der Automobilzulieferer. In Krisenzeiten erwischt es als Erstes jene Unternehmen, deren Geschäftsmodell schon länger wackelt und die keine Reserven haben. Die Corona-Pandemie erweist sich dabei als unerbittlicher Brandbeschleuniger.

BBS gehört in der Mehrheit der südkoreanischen Nice Holdings. Die 550 betroffenen Beschäftigten können nun nur noch auf einen neuen Investor hoffen. „Unser Ziel ist es, das Unternehmen weiterzuführen. Und die Chancen dafür sind gut“, erklärt Insolvenzverwalter Thomas Oberle.

Seine Kanzlei hatte schon die vorangegangen Insolvenzen von BBS begleitet und das Unternehmen zum Überlebenskünstler gemacht. Mit dem Insolvenzgeld gewinnt BBS nun abermals Zeit, und die Lieferketten können erhalten bleiben: Zu den Kunden zählen unter anderem Volkswagen, Porsche und Mercedes-Benz.

Auch für die Autohersteller selbst ist die Coronakrise ein Stresstest. In Wolfsburg, Stuttgart und München werden nun schmerzvolle Stellenstreichungen beschlossen. Ganze Werke stehen zur Disposition. In der Folge trifft das selbst die ganz Großen in der Zulieferbranche. Ihr Kreditrating steht unter Druck, wie die Herabstufungen von Continental und ZF zeigen.

Zwar gefährdet die Pandemie nicht gleich die Existenz der Branchenriesen. Doch dieser Befund gilt nicht für alle in der Autoindustrie mit ihren eng verzweigten Lieferantenstrukturen. Insbesondere kleinere und mittelständische Zulieferer, deren Eigenkapital und Cash schon vor der Krise gering waren, sind gefährdet.

„Wir werden ab dem Herbst intensiv über die Frage reden, dass es mit unmittelbaren, zeitweisen Staatsbeteiligungen gelingen muss, Firmen tatsächlich zu erhalten, die sonst vom Markt verschwinden würden“, warnte Roman Zitzelberger jüngst. Der Bezirksleiter der IG Metall im Autoland Baden-Württemberg macht sich Sorgen um die Stabilität des Gesamtsystems.

Er plädiert für ein „Painsharing“ zwischen Unternehmen, Arbeitnehmern und Bund. Für zielführend hält der Gewerkschafter eine Reduktion der Arbeitszeit mit einem teilweisen Ausgleich des Verdienstausfalls. Sein Ziel: möglichst viele Jobs erhalten.

Doch das wird schwierig. Spätestens wenn die aktuell ausgesetzte Insolvenzantragspflicht Ende September wieder in Kraft tritt, drohen Dutzende Pleiten in der Autoindustrie, heißt es in Branchenkreisen. Der Grund: Viele kleinere Zulieferer sind stark vom europäischen Markt abhängig.

Doch während die Autoverkäufe in China schon wieder anziehen, lahmt in Europa weiter das Geschäft. Die Folge: Im dritten und vierten Quartal dürfte einer ganzen Reihe von Mittelständlern das Geld ausgehen – ähnlich wie schon bei BBS. Zumal es eher unrealistisch ist, dass der Bund reihenweise notleidende Autofirmen rettet.

So schlimm wie nach der Finanzkrise 2008 als gut 80 Zulieferer binnen eines Dreivierteljahres in die Insolvenz schlitterten, dürfte es zumindest anfangs dieses Mal nicht gleich werden, heißt es in Branchenkreisen. „Viele Zulieferer sind in diese Krise mit größeren Reserven reingegangen als damals. Das hilft nun“, sagt ein Insider. Dennoch bleibe das Grundproblem bestehen: Es fehlt an Stückzahlen. Und zwar weit über 2020 hinaus.

Daher warnt Autoprofessor Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management: „Corona wirkt wie ein Katalysator für die Transformation der Branche. Die Margen dürften in den nächsten Jahren stark unter Druck bleiben. Unternehmen, die ihre Hausaufgaben vor der Krise nicht gemacht haben, sind jetzt am stärksten gefährdet.“

Martin Buchenau, Franz Hubik

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