In diesen Branchen ist die Furcht vor der Pleite am größten

In diesen Branchen ist die Furcht vor der Pleite am größten. Durch die Nachfrage- und Umsatzeinbrüche in Folge der Coronakrise müssen bald viele deutsche Unternehmen die Insolvenz anmelden. Ein Branchenüberblick.

Touristik: Eine Branche bleibt am Boden

Seinen Urlaubern nimmt der Reisekonzern Tui seit dieser Woche die Angst vor einem finanziellen Risiko in der Coronakrise. Tui-Kunden, die im Urlaub über Symptome klagen, dürfen gratis einen deutschsprachigen Arzt konsultieren und im Ernstfall ohne Zusatzkosten länger am Urlaubsort bleiben. Eine Absprache mit der Axa-Versicherung macht es möglich.

Eine solche Versicherung bräuchte Tui wohl noch dringender für sich selbst. Denn seit einigen Wochen steht Europas größter Reiseveranstalter unter strenger Beobachtung der Ratingagenturen.

Am 20. Mai stufte Moody’s die Bonität von Tui um zwei Stufen auf „Caa1“ herab, am 8. Juni folgte Standard & Poor’s (S & P) mit der Note „CCC+“. In der Sprache der Bonitätsbewerter steht das für „substanzielles Risiko“ eines Zahlungsausfalls . Ein solches Risiko bestehe auch für Tui, so Moody’s-Analyst Vitali Morgowski – selbst im Fall von Lockerungen im Reisebereich. Der Tui-Umsatz wird 2020 laut Moody’s mindestens um die Hälfte einbrechen, weil Urlauber Flug- und Pauschalreisen meiden.

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus trifft die Touristik wie kaum eine zweite Branche. Mindestens vier deutsche Reiseveranstalter beantragten bereits in den vergangenen Wochen das Insolvenzverfahren. Die Nummer drei der Branche, der Münchener Urlaubkonzern FTI, wird aktuell nur durch einen Staatskredit am Laufen gehalten. Insbesondere die Rückzahlung angezahlter Kundengelder für ausgefallene Reisen hat bei vielen die Liquidität aufgezehrt.

Ab Oktober wird der wirkliche Schaden sichtbar. Dann nämlich endet das Moratorium, das die Bundesregierung Unternehmen für die Anmeldepflicht von Insolvenzen gewährt hat – falls das Moratorium nicht bis März verlängert wird.

Die voraussichtliche Welle an Pleiten, die sich hinter der Ausnahmeregel aufgestaut hat, wird insbesondere einen großen Teil der über 10.000 deutschen Reisebüros treffen. Den meisten von ihnen entgingen nicht nur drei Monate lang wegen des faktischen Verkaufsstopps die Provisionseinnahmen, zum Teil mussten sie darüber hinaus überwiesene Kundengelder zurückerstatten.

Ein Hilfspaket aus Berlin soll nun viele Reisebüros retten. Doch wer schon im Vorjahr keinen Gewinn vorweisen konnte, geht leer aus. Zudem sind die Hilfssummen auf maximal 150.000 Euro beschränkt, was insbesondere für größere Ketten kaum ausreichen dürfte. „Rund ein Viertel der Agenturen wird die Krise nicht überstehen“, schätzt Marija Linnhoff vom Reiseverband VUSR.

Noch trüber sieht es im Hotelgewerbe aus, wo selbst Ketten mit millionenschweren Umsatzeinbrüchen wie Maritim oder Lindner mit 150.000 Euro Unterstützung auskommen müssen. „Wir schätzen, dass 30 Prozent der Betriebe Insolvenz anmelden müssen“, sagt Tobias Warnecke vom Hotelverband IHA. Betroffen wären damit gut 10.000 Unternehmen.

Was vielen zum Verhängnis wird, ahnte vor Wochen schon Dorint-Aufsichtsratschef Dirk Iserlohe: Zwar gestattete die Bundesregierung Hoteliers zum Beginn der Corona-Pandemie, Mietzahlungen drei Monate lang einzubehalten, ohne eine Kündigung fürchten zu müssen.

Wer seit Anfang Juli aber die angehäuften Verpflichtungen nicht auf einen Schlag nachzahlt, gerät in Zahlungsverzug. „Auf dieser Basis können Verpächter ihre Forderungen einklagen, titulieren lassen und diese mit neun Prozent pro Jahr über dem Basiszins vollstrecken“, so Iserlohe. „Damit wird der Geschäftsbetrieb des Pächters unmöglich.“

Selbst üppig Notkredite garantieren in der Coronakrise nicht den Fortbestand. Die 1,8 Milliarden Euro schwere Hilfe der KfW etwa, die Tui Anfang April gewährt wurde, reicht voraussichtlich nur für wenige Monate. Zwar wies der Reisekonzern nach eigenen Angaben dadurch am 10. April 2,1 Milliarden Euro Liquidität aus, die Konzernchef Fritz Joussen durch den Teilverkauf der Kreuzfahrtreederei Hapag-Lloyd später sogar auf rund 2,7 Milliarden verbesserte. Doch das scheinbar komfortable Finanzpolster könnte rasch schon wieder aufgebraucht sein.

„Wir rechnen bei Tui mit einer Cash-Burn-Rate von monatlich 650 Millionen Euro“, erklärte S & P-Analyst Patrick Janssen die aktuelle Lage. Ohne Einnahmen aus dem laufenden Geschäft, so hatte Tui zuvor selbst berichtet, liege diese Burn-Rate sogar bei 700 Millionen bis 1,4 Milliarden Euro. Ein Konzernsprecher relativiert indes diese noch höheren Zahlen: „Die Aufhebung der globalen Reisewarnung sorgt seit Mitte Juni für eine teilweise Wiederaufnahme des Programms und neue Buchungen.“

Doch die Gefahr bleibt bestehen: Sollten die konservativen Annahmen der S & P-Analysten stimmen, geriete Tui ohne eine weitere Finanzspritze spätestens Ende August erneut in Schwierigkeiten.

Christoph Schlautmann

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