The Unstraight Museum: Queere Geschichte als partizipatives digitales Archiv
Unsichtbare Geschichten sichtbar machen – digitale Teilhabe neu gedacht.
Queere Lebensrealitäten wurden in klassischen Museumsnarrativen über Jahrzehnte marginalisiert oder vollständig ausgeblendet. Historische Sammlungen spiegelten überwiegend heteronormative Perspektiven wider, während LGBTQIA+-Geschichten häufig unsichtbar blieben.
Mit dem The Unstraight Museum entsteht ein Gegenentwurf: ein digitales, partizipatives Archiv, das queere Geschichte sammelt, bewahrt und vermittelt – gemeinsam mit der Community. Das Projekt steht exemplarisch für eine neue Generation von Kulturinstitutionen, die Diversität, Co-Creation und digitale Teilhabe in den Mittelpunkt stellen.
Ein Museum ohne festen Ort – digitale Sammlung jenseits institutioneller Grenzen
Das Unstraight Museum wurde in Schweden initiiert und ist primär digital organisiert. Anders als traditionelle Museen mit festen Gebäuden versteht es sich als offenes, wachsendes Online-Archiv.
Menschen aus unterschiedlichen Ländern können:
- persönliche Geschichten einreichen
- Fotos, Dokumente oder Objekte digitalisieren
- Interviews und Erinnerungen teilen
- bestehende Sammlungen kommentieren oder kontextualisieren
Dieses Modell eines Community Archives erlaubt es, Geschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern sie gemeinsam zu gestalten. Das Museum wird damit zu einem dynamischen Erinnerungsraum, der sich kontinuierlich weiterentwickelt.
Digitale Infrastruktur fungiert hier nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als demokratisierendes Instrument: Geografische, soziale und institutionelle Barrieren werden reduziert.
Co-Creation als Grundprinzip: Machtverhältnisse im Museum neu verhandeln
Traditionell bestimmen Kurator:innen, welche Objekte sammlungswürdig sind und wie Geschichte erzählt wird. Das Unstraight Museum verfolgt einen anderen Ansatz: kollektive Entscheidungsprozesse.
Community-Mitglieder wirken aktiv mit bei:
- Auswahl der Inhalte
- Beschreibung und Begrifflichkeiten
- Kontextualisierung historischer Ereignisse
- Priorisierung von Themen
Dieses Prinzip verschiebt klassische Machtstrukturen im Museumsbetrieb. Inhalte entstehen nicht über eine Community, sondern mit ihr.
In der internationalen Museumsdebatte wird dieser Ansatz zunehmend diskutiert. Auch der International Council of Museums (ICOM) betont in Leitlinien zu Diversity und Inclusion die Notwendigkeit partizipativer Strategien und multiperspektivischer Sammlungen.
Das Unstraight Museum zeigt, wie digitale Vermittlung zur strukturellen Öffnung kultureller Institutionen beitragen kann.
Queere Geschichte als lebendiges Archiv
Ein zentrales Merkmal des Projekts ist seine Vielstimmigkeit. Statt einer linearen historischen Erzählung entsteht ein Mosaik aus individuellen Erfahrungen:
- Coming-out-Geschichten
- Aktivismus und Pride-Bewegungen
- Alltagsobjekte mit persönlicher Bedeutung
- Erinnerungen an Diskriminierung und Widerstand
Diese Perspektiven ergänzen offizielle Geschichtsschreibungen und erweitern den kulturellen Kanon.
Gerade für queere Communities, deren Geschichte häufig fragmentiert oder ausgelöscht wurde, ist das digitale Archiv ein Instrument der Sichtbarmachung und Selbstverortung.
Vermittlung als kulturelle Selbstermächtigung
Das Unstraight Museum versteht sich nicht nur als Archiv, sondern auch als Plattform für politische Bildung und gesellschaftlichen Dialog.
Über digitale Ausstellungen, Workshops und Bildungsformate werden Themen wie:
- Diskriminierung und Menschenrechte
- Identität und Selbstdefinition
- gesellschaftlicher Wandel
- intersektionale Perspektiven
verhandelt.
Vermittlung wird hier zur kulturellen Selbstermächtigung. Menschen erzählen ihre Geschichte selbst – und setzen damit eigene Narrative gegen historische Unsichtbarkeit.
Digitale Räume ermöglichen dabei eine niedrigschwellige Teilnahme, insbesondere für Personen, die sich in traditionellen Institutionen nicht repräsentiert fühlen.
Digitale Teilhabe jenseits physischer Barrieren
Ein wesentliches Potenzial des Projekts liegt in seiner digitalen Struktur:
- ortsunabhängiger Zugang
- internationale Beteiligung
- barriereärmere Teilhabe
- kontinuierliche Erweiterbarkeit
Im Gegensatz zu physischen Museen ist das Archiv nicht an Öffnungszeiten, Eintrittspreise oder geografische Nähe gebunden.
Das Unstraight Museum zeigt damit beispielhaft, wie digitale Vermittlung neue Formen kultureller Teilhabe schafft – insbesondere für marginalisierte Gruppen.
Bedeutung für Museen und Kulturinstitutionen
Für Museen, Kulturakteur:innen und Bildungseinrichtungen bietet das Projekt wichtige Impulse:
- Partizipation als strukturelles Prinzip statt punktueller Beteiligung
- Digitale Archive als Ergänzung oder Alternative zum physischen Raum
- Community-basierte Sammlungspolitik
- Diversität als kuratorischer Standard, nicht als Sonderthema
Das Modell verdeutlicht, dass Inklusion nicht allein durch Repräsentation in Ausstellungen entsteht, sondern durch Mitgestaltungsmöglichkeiten.
Fazit: Ein digitales Modell für eine inklusivere Erinnerungskultur
Das Unstraight Museum steht für eine zeitgemäße, demokratische Museumsarbeit. Es macht queere Geschichte sichtbar, ermöglicht Co-Creation und verschiebt institutionelle Machtverhältnisse zugunsten kollektiver Erinnerung.
Als digitales, partizipatives Archiv zeigt es, wie kulturelle Vermittlung im 21. Jahrhundert aussehen kann: offen, global vernetzt und community-basiert.
Für Unternehmen, Kulturinstitutionen und Bildungsakteur:innen bietet das Projekt wertvolle Inspiration, wenn es darum geht, digitale Teilhabe, Diversität und gesellschaftliche Verantwortung strategisch zu verbinden.
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Quellen