Finanzwesen

85 Prozent über Vorkrisenniveau: Deutschlands Pleitewelle bringt immer mehr Firmen in Gefahr

Deutschlands Pleitewelle erreicht dramatische Ausmaße. Immer mehr Firmen stehen vor dem Aus – und reißen womöglich ihre Geschäftspartner mit in die Krise. Die jüngsten Zahlen alarmieren.

Deutschlands Pleitewelle verschärft sich – und droht immer mehr Unternehmen mitzureißen. Denn wenn ein Betrieb Insolvenz anmeldet, bleiben häufig auch seine Geschäftspartner auf offenen Rechnungen sitzen.

Was mit einer ausbleibenden Zahlung beginnt, kann schnell zur Existenzfrage werden: Plötzlich fehlt Geld für Gehälter, Mieten oder Lieferanten. Die jüngsten Insolvenzzahlen zeigen, wie groß die Gefahr inzwischen ist.

Deutsche Firmenpleiten liegen 85 Prozent über dem Vorkrisenniveau

Die jüngsten Zahlen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) verdeutlichen, wie hartnäckig sich die Krise hält. Mit 1666 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften lag der Septemberwert neun Prozent über dem August.

Noch deutlicher fällt der Vergleich mit den Jahren vor der Corona-Pandemie aus: Damals wurden in einem durchschnittlichen September nur rund 900 entsprechende Firmenpleiten registriert.

Immerhin gibt es erste Anzeichen einer Stabilisierung. Im gesamten dritten Quartal sank die Zahl der Insolvenzen gegenüber dem Vorquartal um 2,3 Prozent. Dennoch bleibt das Niveau historisch hoch. Zu den bekanntesten Insolvenzen im dritten Quartal zählen unter anderem drei Unternehmen aus dem Handel: die Baumärkte von Hellweg und BayWa sowie Mäc-Geiz.

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Dienstleistungsunternehmen: In mehreren Bereichen, darunter IT, Kommunikation sowie Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, registrierte das IWH neue Höchststände seit Beginn seiner entsprechenden Erhebungen im Jahr 2020.

Auch regional verschärfte sich die Lage. Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Thüringen erreichten im dritten Quartal neue Höchstwerte.

Wenn ein Kunde pleitegeht, geraten Lieferanten unter Druck

Die wirtschaftlichen Folgen reichen jedoch über die einzelnen insolventen Unternehmen hinaus. Besonders gefährdet sind Betriebe, die Waren liefern oder Dienstleistungen erbringen, bevor sie dafür bezahlt werden.

Ein Beispiel: Ein mittelständischer Zulieferer produziert Bauteile für einen Großkunden und stellt dafür 100.000 Euro in Rechnung. Noch bevor die Zahlung eingeht, meldet der Kunde Insolvenz an. Der Zulieferer muss seine Mitarbeiter und Lieferanten trotzdem bezahlen. Die erhofften Einnahmen bleiben aber aus.

Für einen finanziell gut ausgestatteten Betrieb ist das möglicherweise verkraftbar. Für ein Unternehmen mit geringen Rücklagen kann bereits ein größerer Forderungsausfall ausreichen, um selbst in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten.

Das Ausmaß wird auch in der amtlichen Statistik sichtbar. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes summierten sich die bei Unternehmensinsolvenzen angemeldeten voraussichtlichen Gläubigerforderungen allein im Juni 2026 auf rund 3,9 Milliarden Euro.

Hohe Kosten und schwache Nachfrage verschärfen die Lage

Hinter der Entwicklung stehen mehrere Belastungen. Nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform haben jahrelange wirtschaftliche Schwäche und steigende Kosten die finanzielle Widerstandskraft vieler Unternehmen geschwächt. Zusätzlich verteuerten die Energiepreisschocks infolge des Iran-Konflikts Produktion und Transport.

Creditreform zählte im ersten Halbjahr 2026 rund 12.900 Unternehmensinsolvenzen. Das waren 7,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste Halbjahreswert seit 2013. Die Erhebung ist breiter gefasst als die IWH-Statistik.

Gerade kleine Unternehmen können sich vor Zahlungsausfällen schützen, indem sie die Bonität wichtiger Kunden prüfen, Zahlungsfristen verkürzen oder größere Aufträge durch Anzahlungen absichern. Auch Warenkreditversicherungen können helfen, bergen aber zusätzliche Kosten.

Insolvenzen könnten zum Jahresende zurückgehen

Für die kommenden Monate zeichnet das IWH aber trotz der Umstände ein vorsichtig optimistischeres Bild. Die Frühindikatoren des Instituts lassen im Oktober weiterhin hohe Insolvenzzahlen erwarten. Im weiteren Verlauf des vierten Quartals könnte sich die Situation jedoch entspannen.

IWH-Insolvenzforscher Steffen Müller rechnet deshalb insgesamt mit sinkenden Fallzahlen zum Jahresende. Ein Ende der Pleitewelle bedeutet das allerdings noch nicht. Selbst bei einem Rückgang würden die Insolvenzen von einem außergewöhnlich hohen Niveau aus sinken.


Quelle: Focus >