Finanzwesen

Drohende Insolvenzen: Experten warnen vor einer „Vulkan-Situation“

Materialmangel erhöht Pleitegefahr. Drohende Insolvenzen. Der Mangel an Chips, Holz und anderen Materialien sowie die stark gestiegenen Preise für Energie und Rohstoffe könnten Experten zufolge Marktteilnehmer in die Insolvenz treiben.

„Durch den Mangel an Halbleitern und anderen kritischen Materialien werden zahlreiche Unternehmen, die der Coronakrise getrotzt haben, doch noch zu Sanierungsfällen“, erwartet der Restrukturierungsexperte Alfred Hagebusch. Bild: Bloomberg

 

Die Firma Banspach ist seit 1773 „mit Holz verbunden“, wie es auf der Homepage des Familienunternehmens heißt. In jüngerer Zeit verlegte sich das Holzwerk auf die Produktion von Paletten. Doch inzwischen ruht der Geschäftsbetrieb, Insolvenzverwalterin Sandra Wirtz von der Mannheimer Kanzlei Depré fahndet nach einem Investor.

Der Grund für den Absturz des Traditionsunternehmens: Als die Coronapandemie begann, sank der Palettenbedarf. Gleichzeitig kauften China und Japan Holz in großem Stil auf, was zu Kostensteigerungen bei Banspach führte. „Die Einkaufspreise für das benötigte Schnittholz sind monatlich nicht unerheblich gestiegen“, konstatierte Verwalterin Wirtz schon im Sommer. Langfristige Verträge mit Kunden verhinderten zudem, dass die Preise weitergereicht werden konnten. Materialmangel und hohe Preise als Insolvenzrisiko?

Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass die globalen Warenengpässe empfindliche Auswirkungen haben dürfte. Denn es fehlt längst nicht nur an Holz. Auch Halbleiter sind rar, bei Metall, Plastik und anderen Grundstoffen gebe es Engpässe und Preissteigerungen, sagt Stefan Treiber, Managing Director der Münchner Unternehmensberatung Candidus. „Die Frachtraten für Containerschiffe sind extrem gestiegen, in bestimmten Bereichen fehlen Arbeitskräfte“, so Treiber. Die Folge: „In immer mehr Fabriken stehen die Bänder still, eine wachsende Zahl von Unternehmen meldet Kurzarbeit an.“ Und dabei wird es kaum bleiben. „Durch den Mangel an Halbleitern und anderen kritischen Materialien werden zahlreiche Unternehmen, die der Coronakrise getrotzt haben, doch noch zu Sanierungsfällen“, erwartet der Restrukturierungsexperte Alfred Hagebusch, Leiter des Frankfurter Büros der Insolvenz- und Sanierungskanzlei Wellensiek.

Erste Studien zeigen, wie groß der Druck ist. Laut einer Ifo-Umfrage klagen bereits rund 77 Prozent der deutschen Industrieunternehmen darüber, dass der Materialmangel ihre Produktion beeinträchtigt. Die davon besonders betroffenen Autobauer produzieren in Deutschland mittlerweile nur halb so viele Wagen wie vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie – und reduzieren Aufträge bei Zulieferern. „Durch die geringeren Abrufe der Autoindustrie brechen bei deren Zulieferern Umsatz und Liquidität weg“, so Hagebusch. Zugleich spürten aber auch der Maschinen- und Anlagenbau, die Bauindustrie und das Handwerk Engpässe in den Lieferketten. „Weitere Branchen werden folgen“, erwartet Hagebusch, der die Lage als „Vulkan-Situation“ umschreibt: „Man sieht den Rauch aufsteigen – und ahnt, dass es unter der Oberfläche viel stärker brodelt.“

Vor allem dem Mittelstand droht Ungemach. So kämpft einer Umfrage der staatlichen Förderbank KfW zufolge fast jedes zweite mittelständische Unternehmen mit den Folgen von Lieferengpässen. Die Engpässe „legen den kleinen und mittleren Unternehmen enorme Steine auf ihren Weg aus der Coronakrise“, berichtet KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib. „Das nimmt der gerade wieder angesprungenen Konjunktur ihren Schwung“, sagt Köhler-Geib.

„Aktuell sehen wir die Nachwehen der Coronakrise“, bestätigt Treiber. Das Hochfahren der Wirtschaft erweise sich als schwieriger als das Runterfahren. Um die Situation zu meistern, sei der frühzeitige Kontakt mit allen Beteiligten wichtig: „Die Banken und Finanzierer müssen an Bord geholt werden, ebenso Kunden und Mitarbeiter“, empfiehlt der Experte.

Vorrangiges Ziel solcher Gespräche ist es – wie in den meisten Krisen – zunächst die Liquidität zu sichern und zu stabilisieren sowie die langfristige Finanzierung zu klären. Dabei sollte auch über alternative Finanzierungswege wie Anleihen oder Schuldscheine nachgedacht werden, im Zweifel auch außergerichtliche und gerichtliche Sanierungsoptionen ausgelotet werden. Denn nimmt eine Krise erst Fahrt auf, kann es für das Management schnell heikel werden. „Angesichts der neuen gesetzlichen Vorgaben ist eine längerfristige Liquiditätsplanung erforderlich, um Risiken für die Geschäftsführung zu vermeiden“, sagt Wellensiek-Partner Hagebusch. „Auch eine saubere Dokumentation aller Maßnahmen und Überlegungen ist für Unternehmensleiter dringend geboten, um sich gegen Haftungsrisiken abzusichern“, rät der Experte.

Zugleich decke die aktuelle Krise erhebliche Versäumnisse in vielen Unternehmen auf. Der Transformationsbedarf in der deutschen Industrie ist groß. Die Unternehmen müssten auch langfristig ihre Geschäftsmodelle überprüfen.

Zunächst muss aber die aktuelle Krise bewältigt werden – und die dürfte noch einige Zeit anhalten. Laut der KfW-Umfrage gehen nur fünf Prozent der betroffenen Unternehmen von einer Entspannung bis Jahresende aus. „Bis sich die Lieferengpässe auflösen, dürfte es dauern“, sagt KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib. „Ich gehe aber davon aus, dass sich die Materialknappheit im Laufe der kommenden Monate zumindest etwas entschärft.“ Nachholeffekte könnten dann im kommenden Jahr einen Impuls für einen neuen Wachstumsschub geben.