IT, Marketing, Produktkommunikation

Stammdatenmanagement und Data Governance: Wie Master Data Products echten Geschäftswert schaffen

Michael Tappe, Head of Global Data Governance bei Nammo AS, spricht im Interview über Stammdatenqualität, klare Verantwortlichkeiten und den geschäftlichen Nutzen von Datenprodukten.

Hochwertige Stammdaten sind eine wesentliche Voraussetzung für verlässliche Geschäftsprozesse, fundierte Entscheidungen und eine erfolgreiche digitale Transformation. Doch wie gelingt es Unternehmen, die Qualität ihrer Stammdaten langfristig zu sichern? Welche Rolle spielen Data Governance und klare Verantwortlichkeiten? Und wie können Stammdaten so organisiert werden, dass sie nicht nur zuverlässig sind, sondern auch einen konkreten geschäftlichen Mehrwert schaffen?

Im Rahmen des Stammdaten Forums 2026 haben wir mit Michael Tappe, Head of Global Data Governance bei Nammo AS, über diese Fragen gesprochen. Im Interview erläutert er, warum nachhaltiges Stammdatenmanagement bei den Menschen und Prozessen ansetzen muss, wie ein globales Data-Governance-Modell gestaltet werden kann und was hinter dem Ansatz der Master Data Products steckt.

 

Über Nammo und Michael Tappe

Nammo AS ist ein international tätiges Industrieunternehmen mit 29 Standorten in Europa und den USA. Die länder- und standortübergreifende Zusammenarbeit stellt besondere Anforderungen an die Qualität, Verfügbarkeit und einheitliche Nutzung von Daten.

Michael Tappe verantwortet seit 2021 die globale Data Governance und das Stammdatenmanagement bei Nammo. Seine internationale Laufbahn führte ihn durch Belgien, Spanien, Deutschland und Frankreich und prägte seine Überzeugung, dass erfolgreiche Datenstrategien vor allem Menschen, Prozesse und Technologie miteinander verbinden müssen.

Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die Entwicklung von Data Products und der Aufbau einer Data Governance, die echten geschäftlichen Mehrwert schafft. Seine Vision ist ein skalierbares Datenökosystem, in dem Mitarbeitende vertrauenswürdige Daten mühelos entdecken und nutzen können, um bessere operative und strategische Entscheidungen zu treffen.

 

 

Das Interview

Stammdatenmanagement und Data Governance gehören eng zusammen. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit klare Regeln und Verantwortlichkeiten zu dauerhaft hochwertigen Stammdaten führen?

Regeln allein verbessern noch keine Daten. Entscheidend ist, dass die fachliche Verantwortung dort liegt, wo die Daten entstehen und verstanden werden. Ein Data Owner muss Entscheidungen treffen können, und Data Stewards brauchen Zeit, ein klares Mandat und praktikable Werkzeuge. Data Governance schafft dafür den gemeinsamen Rahmen: verständliche Definitionen, wenige sinnvolle Qualitätsregeln, Transparenz über Abweichungen und einen Weg, Probleme dauerhaft an ihrer Quelle zu beheben. Bei Nammo haben wir dafür ein globales Governance-Modell mit einem Data Governance Council und fachlichen Verantwortlichkeiten aufgebaut. Entscheidend ist aber nicht die Organisationsgrafik, sondern dass diese Rollen im Alltag tatsächlich funktionieren.

 

Unvollständige oder inkonsistente Stammdaten sind in vielen Unternehmen eine wiederkehrende Herausforderung. Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Ursachen und warum lassen sie sich so schwer nachhaltig beheben?

Meist liegt es nicht an mangelndem Willen. Daten werden in verschiedenen Prozessen, Systemen und Ländern für unterschiedliche Zwecke erfasst. Was für einen Mitarbeiter bei der Eingabe ausreicht, kann für Finance, Einkauf oder einen globalen Bericht unvollständig sein. Hinzu kommen uneinheitliche Definitionen, historisch gewachsene Datenbestände und unklare Verantwortung für die Korrektur. Schwierig wird die nachhaltige Verbesserung, wenn nur nachgelagert bereinigt wird: Ein Bericht kann Fehler sichtbar machen, aber nicht die Qualität am Ursprung herstellen. Deshalb müssen wir die Ursachen in den Prozessen verstehen und dort ansetzen.

 

Wie kann es gelingen, Stammdaten stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Fachbereiche auszurichten, statt Qualität vor allem über Standards und Vorgaben zu steuern?

Ich würde mit einer geschäftlichen Frage beginnen, nicht mit einem umfangreichen Regelkatalog. Welcher Bericht, welche Entscheidung oder welcher Prozess leidet unter schlechten Stammdaten? Gemeinsam mit den Fachbereichen lässt sich dann bestimmen, welche Attribute wirklich wichtig sind und welche Qualität sie dafür benötigen. Bei Nammo arbeiten wir beispielsweise mit HR-Datenqualitätsberichten, die Abweichungen nach Ländern sichtbar machen und den zuständigen Data Stewards eine gezielte Bearbeitung ermöglichen. In Finance wollen wir an einem konkreten Bericht zeigen, wie Datenqualität und Verantwortung an der Quelle zusammenhängen. Standards bleiben notwendig, aber sie sollten aus einem nachvollziehbaren Bedarf entstehen.

 

In Ihrer Keynote stellen Sie den Ansatz der „Master Data Products“ vor. Was steckt dahinter und wie unterscheidet sich dieser Blick auf Stammdaten vom klassischen Stammdatenmanagement?

Ein Master Data Product ist für mich mehr als ein sauber gepflegter Datensatz. Es ist ein klar abgegrenztes, wiederverwendbares Informationsangebot mit definierten Nutzern, einem fachlichen Verantwortlichen, verständlicher Bedeutung, vereinbarten Qualitätsanforderungen und einem erkennbaren Nutzen. Klassisches Stammdatenmanagement betrachtet häufig zuerst Tabellen, Felder, Systeme und Pflegeprozesse. Die Produktperspektive fragt zusätzlich: Wer braucht diese Daten, wofür, in welcher Qualität und mit welcher Verlässlichkeit? So wird aus einer technischen Datenbestandsverwaltung eine Leistung für konkrete Geschäftsprozesse und Entscheidungen. Das ersetzt die grundlegende Stammdatenpflege nicht, sondern gibt ihr eine klarere geschäftliche Richtung.

 

Wenn Stammdaten wie ein Produkt betrachtet werden: Welche Bedeutung haben klare Verantwortlichkeiten und die Frage, wer die Daten nutzt und welchen Nutzen sie stiften?

Ohne Verantwortung wird der Produktgedanke schnell nur ein neuer Name. Jemand muss den fachlichen Zweck vertreten, Prioritäten setzen, Qualitätsanforderungen mit den Nutzern abstimmen und Konflikte entscheiden können. Ebenso wichtig ist die Perspektive der Verbraucher: Einkauf, Finance, HR oder andere Bereiche nutzen dieselben Daten möglicherweise unterschiedlich. Deshalb müssen wir transparent machen, welche Anforderungen gemeinsam gelten und wo berechtigte Unterschiede bestehen. Für mich ist ein Datenprodukt dann erfolgreich, wenn seine Nutzer ihm vertrauen und es ihre Arbeit tatsächlich verbessert – nicht schon dann, wenn es technisch verfügbar ist.

 

Sie verantworten die globale Data Governance bei Nammo. Welche besonderen Herausforderungen bringt es mit sich, Stammdatenqualität und Verantwortlichkeiten über Länder- und Organisationsgrenzen hinweg zu gestalten?

Die größte Herausforderung ist, einen gemeinsamen Rahmen zu schaffen, ohne die unterschiedlichen rechtlichen, organisatorischen und operativen Realitäten zu ignorieren. Nammo arbeitet über mehrere Länder und Gesellschaften hinweg; Daten entstehen in lokalen Geschäftsprozessen und werden zugleich global genutzt. Ein aktuelles Beispiel sind die Anforderungen unserer US-Niederlassungen an das Global Address Book. Hier müssen wir gemeinsam prüfen, was ein globaler Standard sein sollte und was lokal geregelt werden muss. Ebenso wichtig ist, bestehende ERP- und Business-Verantwortlichkeiten zu respektieren. Globale Governance darf nicht bedeuten, dass wir jede lokale Entscheidung zentralisieren. Im Gegenteil: Ein globales Framework unterstützt nachhaltig die unterschiedlichen lokalen Anforderungen und fördert die individuellen Fähigkeiten der einzelnen Standorte.

 

Wie lässt sich sicherstellen, dass Stammdaten nicht nur qualitativ hochwertig sind, sondern den Fachbereichen auch einen konkreten geschäftlichen Nutzen bieten?

Wir sollten Nutzen und Datenqualität gemeinsam messen. Die Zahl fehlerhafter Datensätze ist hilfreich, aber für das Management allein nicht ausreichend. Interessanter sind Fragen wie: Können neue Mitarbeiter rechtzeitig in nachgelagerten Prozessen berücksichtigt werden? Werden Lieferanten eindeutig identifiziert? Sind Berichte belastbarer und müssen weniger manuell korrigiert werden? Bei Nammo nutzen wir bereits Datenqualitätsberichte und arbeiten an Anwendungsfällen rund um HR, Finance und Lieferantenstammdaten. Dabei unterscheiden wir bewusst zwischen erwarteten Vorteilen und tatsächlich gemessenen Ergebnissen. Der Wert von Stammdaten zeigt sich letztlich in besseren Abläufen und verlässlicheren Entscheidungen.

 

Mit Blick auf die Zukunft: Was sollten Unternehmen aus Ihrer Sicht heute verändern, um die Qualität ihrer Stammdaten langfristig zu sichern und gleichzeitig deren geschäftlichen Wert besser auszuschöpfen?

Unternehmen sollten Stammdaten nicht länger nur als IT- oder Bereinigungsaufgabe behandeln. Sie brauchen eine fachlich verankerte Verantwortung, einfache und verständliche Qualitätsanforderungen sowie Transparenz darüber, wo Daten genutzt werden und welche Folgen Fehler haben. Ich würde klein anfangen: einen wichtigen Anwendungsfall auswählen, den Nutzen erklären, Verantwortlichkeiten festlegen, Qualität sichtbar machen und Verbesserungen messen. Darauf lässt sich schrittweise aufbauen. Mit stärker vernetzten Datenplattformen und KI wird diese Grundlage noch wichtiger. Meine Leitidee lautet: Die Qualität einer Entscheidung kann niemals höher sein als die Qualität der Informationen, auf denen sie beruht.

 

Zum Abschluss: „Hochwertige Stammdaten sind für mich …“

… die verlässliche Grundlage für gute Entscheidungen, wirksame Prozesse und verantwortliches Handeln im Unternehmen.

 

Stammdaten Forum 2026
Stammdatenmanagement und Data Governance in der Praxis

Wie lassen sich Stammdatenmanagement und Data Governance wirksam gestalten? Welche Ansätze haben sich in der Praxis bewährt, und wie können Unternehmen den geschäftlichen Wert ihrer Daten besser erschließen?

Diese und weitere Fragen stehen im Mittelpunkt des Stammdaten Forums 2026 am 25. und 26. November in Düsseldorf. Der Kongress bringt Fach- und Führungskräfte sowie Praktikerinnen und Praktiker zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, konkrete Lösungsansätze kennenzulernen und aktuelle Herausforderungen rund um Stammdaten, Data Governance und digitale Transformation zu diskutieren.

In seiner Keynote gibt Michael Tappe Einblicke in den Ansatz der Master Data Products und zeigt, wie Stammdaten stärker an den Bedürfnissen ihrer Nutzer ausgerichtet und als Grundlage für bessere Geschäftsentscheidungen verstanden werden können.

Lernen Sie praxisnahe Ansätze kennen und tauschen Sie sich mit der Stammdaten-Community aus.

Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie auf unserer Website:

https://www.deutsche-kongress.de/veranstaltung/stammdaten-forum/