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Get Clean, Stay Clean, First Time Right – Data Governance und Datenqualität bei Vaillant

Interview mit Dr. Sascha Kasper, Data Governance, Vaillant Group

Daten sind längst das Rückgrat moderner Unternehmen. Doch die Herausforderung, sie richtig zu managen, bleibt immens – insbesondere in Organisationen mit historisch gewachsenen Strukturen und Systemen. Im Vorfeld des Stammdaten Forums 2025 haben wir mit Dr. Sascha Kasper von der Vaillant Group gesprochen. Im Interview erklärt er, warum Datenqualität mehr ist als ein technisches Thema, wie die Vaillant Group Data Governance strategisch neu aufgestellt hat – und weshalb der Mensch dabei im Mittelpunkt steht.

 

Über die Vaillant Group

Die Vaillant Group ist ein international führender Anbieter von Heiz-, Lüftungs- und Klimatechnik mit Hauptsitz in Remscheid. Seit über 150 Jahren steht das Unternehmen für Innovation, Nachhaltigkeit und Ingenieurskunst „Made in Germany“. Heute beschäftigt die Vaillant Group weltweit mehr als 16.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und treibt die digitale Transformation konsequent voran – von intelligenten Heizsystemen bis hin zu datengetriebenen Services für Kunden und Partner.

 

Über Dr. Sascha Kasper

Dr. Sascha Kasper verantwortet bei der Vaillant Group den Bereich Data Governance. Gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Irene Skuballa, Leiterin Data Strategy & Transformation, treibt er den Aufbau und die Weiterentwicklung der konzernweiten Daten-Governance-Strukturen voran. Im Fokus seiner Arbeit stehen die Themen Datenqualität, Data Stewardship und das Prinzip „Get Clean, Stay Clean, First Time Right“.

 

 

Das Interview

DEUTSCHE KONGRESS: Datenqualität ist in vielen Unternehmen ein Dauerbrenner. Was hat bei der Vaillant Group den Anstoß gegeben, das Thema strategisch neu aufzusetzen?

Dr. Sascha Kasper: Hauptauslöser war in erster Linie die Migration vom alten SAP-System zum neuen inklusive der Einführung des MDG-Hubs von SAP und die Einführung der Datenplattform, die uns einfachen Zugang zu Daten aus unterschiedlichen Datenquellen erlaubt.


DEUTSCHE KONGRESS:
Sie leiten gemeinsam die Data-Governance-Initiative. Wie ergänzen sich Ihre Rollen – Strategie und Governance – in diesem Transformationsprozess?

Dr. Sascha Kasper: Die Rolle von Irene als Leiterin des Teams zielt mehr auf die strategische Ausrichtung und das Aufsetzen der Data-Governance-Strukturen ab. Erkennbar ist momentan, dass der Hauptfokus auf dem Bereich „get clean“ gelegt wird und die entsprechenden Ressourcen im Team sich auf dieses Thema fokussieren (temporäre strategische Verlagerung). Die Rolle von Sascha als Data Governance Manager bezieht sich momentan auf das Data Quality Projekt „get clean“ und „stay clean“, Datenqualitätstrainings sowie die Standardisierung des Business Partner Templates.

 

DEUTSCHE KONGRESS: Die Vaillant Group ist ein traditionsreiches, global agierendes Unternehmen. Welche Rolle spielt Datenmanagement heute in einem Konzern mit einer so starken Ingenieurs- und Produktkultur?

Dr. Sascha Kasper: Datenmanagement und eine gute Datenqualität spielen in der Vaillant Group nicht nur eine unterstützende Rolle, sondern werden als ein strategischer Erfolgsfaktor betrachtet. Letztlich verbindet es das traditionelle Ingenieurwissen mit modernen digitalen Werkzeugen, um Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Nachhaltigkeit zu sichern. Sämtliche Produkte müssen heute auch immer digital durchdacht werden. Die Bedienung einer Heizungsanlage durch einen Service-Mitarbeiter oder den Endkunden ohne digitales Endgerät funktioniert heute nicht mehr. Auch in diesem Zusammenhang spielen Echtzeitdaten eine entscheidende Rolle.


DEUTSCHE KONGRESS:
Sie haben eine eigene Data-Governance-Abteilung aufgebaut. Was waren die entscheidenden Erfolgsfaktoren, um Strukturen und Verantwortlichkeiten nachhaltig zu etablieren?

Dr. Sascha Kasper: Wir haben momentan die Ausarbeitung des Data Life Cycle Management vollendet. Wir bekommen zunehmend Anfragen aus dem Business, ihre Datenqualitätsregeln gemäß ihren Anforderungen umzusetzen und somit sichtbar zu machen. Hierzu veranstalten wir Workshops mit den jeweiligen Business-Bereichen.
Das Management hat im Zuge der Migration starkes Interesse an einer besseren Datenqualität gezeigt, um den Erfolg des Migrationsprogramms zu sichern.
So wurde im Mai vom Management Board ein föderales System verabschiedet und somit ein Signal gesetzt. In diesem Kontext wurden für einige Business-Bereiche fünf dezidierte Stellen für Datengovernance im Business genehmigt (z. B. Customer-Bereich, Data Custodian & im IoT-Bereich). Die Data-Governance-Organisation wird in einer Gruppendirektive verankert und publiziert.


DEUTSCHE KONGRESS:
Ein zentraler Punkt Ihres Vortrags sind Datendomänen und Dateneigner*innen. Wie gelingt es, diese Rollen in der Organisation klar zu verankern und wie schaffen Sie Akzeptanz für Verantwortung in den Fachbereichen?

Dr. Sascha Kasper: Das Domain-Shaping passiert nicht über Nacht und muss laufend nachjustiert werden. Es ist wichtig, in klar abgegrenzten Bereichen zu starten und sich dann den komplexeren Bereichen zu widmen. Ein Erfolgsfaktor ist hier sicherlich die Community, die wir ins Leben gerufen haben. Hier können sich die einzelnen Data Stewards mit ihresgleichen austauschen und so ungezwungen voneinander lernen. Auch das Data Quality Steering Committee hilft, das Bewusstsein für Datenqualität im Unternehmen zu schärfen.


DEUTSCHE KONGRESS:
Das Konzept „Get Clean, Stay Clean, First Time Right“ klingt nach einem pragmatischen und zugleich anspruchsvollen Ansatz. Wie setzen Sie dieses Prinzip in der Praxis um – und welche Veränderungen hat es im Arbeitsalltag bewirkt?

Dr. Sascha Kasper: Get Clean ergibt sich insbesondere durch das Migrationskonzept. Hier hat sich schnell herausgestellt, dass bei schlechter Datenqualität die Migration länger dauert. Allerdings sind wir dabei, ein einfaches Get-Clean-Konzept zu erarbeiten, das es insbesondere den lokalen Data Stewards in den Werken und NSCs ermöglicht, die Daten einfach und strukturiert zu bereinigen.
Bei Stay Clean stehen wir erst am Anfang. Hier gilt es insbesondere zunächst erst einmal das Bewusstsein zum „Do-it-right-first-time“ zu schärfen. Für viele Mitarbeiter ist das ein Umdenken und anfangs sicherlich auch ein gewisser Mehraufwand, zumal das Thema Stammdaten auch nicht immer als „sexy“ eingestuft wird.

 

DEUTSCHE KONGRESS: Datenqualität ist nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung. Wie fördern Sie das Bewusstsein für Datenqualität im gesamten Unternehmen?

Dr. Sascha Kasper: Die Community und das Data Quality Steering Committee vermitteln sichtlich die Wichtigkeit der Datenqualität im Unternehmen. Die anfangs durchgeführten Stakeholderinterviews bei der Evaluierung haben auch gezeigt, dass ein starkes Bedürfnis nach hoher Datenqualität vorliegt. Zudem bieten wir über das HR-Buchungstool Data-Governance-, Datenqualitäts- und Data-Catalog-Trainings an, die im Jahr der Einführung gut besucht waren.
Mit dem Get-Clean-Konzept (siehe oben) werden wir zudem spezielle Trainings für die Mitarbeiter*innen anbieten, damit sie die Datenbereinigung einfach und effektiv durchführen können. Hier ist es wichtig, zu jeder Datenqualitätsregel auch eine Instruktion zur Behebung des Defekts zu geben.
Im Rahmen der Data Literacy veranstalten wir sogenannte „Data Talks“ in Verbindung mit anderen Unternehmen (z. B. in der Vergangenheit mit Melitta, Volvo, Metro, Miele u. a.), um den Kolleg*innen die Möglichkeit zu bieten, über den eigenen Tellerrand zu schauen und auch zu zeigen, dass es Spaß macht, sich mit Daten zu beschäftigen und zu arbeiten.

 

DEUTSCHE KONGRESS:Welche Werkzeuge und Methoden nutzen Sie, um Governance und Qualität messbar und steuerbar zu machen – und wo sehen Sie die Grenzen von Technologie in diesem Prozess?

Dr. Sascha Kasper: Wir nutzen als Werkzeuge einen Data-Catalog, ein Datenqualitätswerkzeug, den MDG-Hub von SAP sowie diverse Auswertungstools, um die Datenqualität transparent zu machen. Es ist aber vermessen zu glauben, dass mit den Tools automatisch die Datenqualität besser wird. Letztlich ist Arbeiten an der Datenqualität wie eine Operation am offenen Herzen – und eine Arbeit mit den Menschen. Ohne das Bewusstsein und die Sensibilität der Mitarbeiter*innen für das Thema Datenqualität wird es keine großen Sprünge geben. Datenqualität ist reines „Peoplework“!

 

DEUTSCHE KONGRESS: Welche nächsten Schritte planen Sie, um Data Governance und Data Quality bei der Vaillant Group weiterzuentwickeln?

Dr. Sascha Kasper: Wenn das Konzept für Get Clean fertig ist, wollen wir es in den Migrationsländern ausrollen und so allen Ländern die Möglichkeit geben, lange vor der eigentlichen Migration die Daten zu bereinigen. Der Fortschritt wird regelmäßig gemessen und berichtet.
Außerdem wollen wir jetzt schnell die Data-Governance-Direktive auf den Weg bringen, um uns anschließend den weiteren Datendomänen zu widmen.
Ebenso gilt es, den DRIFT-Ansatz im SAP-System weiter auszubauen.

 

DEUTSCHE KONGRESS: Wie sehen Sie die Rolle von Data Governance in Zukunft – bleibt sie ein internes Steuerungsinstrument oder wird sie zunehmend zum Treiber strategischer Entscheidungen?

Dr. Sascha Kasper: Hinsichtlich des zukünftig steigenden Daten- und Informationsbedarfs (z. B. digitaler Zwilling, AI-Use Cases etc.) wird Data Governance zunehmend zum Treiber strategischer Entscheidungen. Das Thema Datenqualität wird in diesem Zusammenhang aber immer operative Wurzeln haben.

 

DEUTSCHE KONGRESS: Was können andere Unternehmen aus Ihrer Initiative lernen – insbesondere, wenn sie noch am Anfang stehen?

Dr. Sascha Kasper: Wichtig ist von Anfang an das Bekenntnis von der höchsten Ebene im Unternehmen für Data Governance und pro Datenqualität. Data Governance kann keinen Erfolg entfalten, wenn es nur als U-Boot-Projekt geführt werden kann.
Es muss auch klar sein, dass Data Governance kein Projekt mit einem eindeutigen Ende ist. Es geht immer weiter und muss als Transformationsaspekt gesehen werden, wo einmal erarbeitete Vorgänge ins Daily Business überführt werden müssen.
Als Data-Governance-Abteilung darf man sich aber auch nicht instrumentalisieren lassen. Oft wird versucht, sämtliche Themen, die nur im entferntesten Sinne etwas mit Daten zu tun haben, auf das Team „abzuschieben“.

 

Seien Sie dabei beim Stammdaten Forum 2025

Erleben Sie Dr. Sascha Kasper und Dr. Irene T. Skuballa live auf dem Stammdaten Forum! Dort teilen Expert:innen, Praktiker:innen und Entscheider:innen aus führenden Unternehmen ihre Erfahrungen, Strategien und Best Practices rund um Stammdatenmanagement, Datenqualität, Data Governance und Automatisierung. Freuen Sie sich auf praxisnahe Einblicke, inspirierende Keynotes

📅 Termin: 27. – 28.11.2025 
📍 Ort: Düsseldorf

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